Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- I. Zielsetzung
- II. Standort und Organisation
- 1. Die Eilenriede
- 2. Der Naturkindergarten
- 3. Organisation des
Kindergartens
-
a) Zusammensetzung
der Gruppe
-
b) Tagesablauf
-
c) Zusammenarbeit
mit anderen Einrichtungen
- 4. Elternmitarbeit
und -mitbestimmung
- III. Pädagogisches Konzept
- 1. Einleitendes
- 2. Persönlichkeitsentwicklung
- 3. Sozialverhalten
- 4. Regeln und Grenzen
- 5. Der
Schwerpunkt Naturpädagogik und seine Chancen
-
a) Naturerleben
-
b) Umweltpädagogik
-
c) Sinnliche
Wahrnehmung
-
d) Ästhetik
-
e) Spielen
-
f) Stille
-
g) Gesundheitliche
Aspekte
-
h) Motorische
Entwicklung
Einleitung
Ein
Waldkindergarten mitten in der Stadt? Bei jedem Wetter draußen?
Muss das sein - und geht das überhaupt? So lauteten erste
Reaktionen auf eine Idee, die im Sommer 1995 entstand und sich auf die
Konzepte der Waldkindergärten in Flensburg, Lübeck und
Dänemark stützte.
Die
ersten Eltern fanden jedoch schnell MitstreiterInnen, um in der
Eilenriede einen Wald- bzw. Naturkindergarten zu gründen und den
Kindern damit mehr Freiräume zum Spielen und Lernen mit und in der
Natur "zurückzuerobern".
Eine
Elterninitiative wurde ins Leben gerufen, die mit viel Enthusiasmus an
die Umsetzung der Idee ging. Das Projekt erfuhr von Anfang an viel
Unterstützung, und viele Stellen waren an der Realisierung
beteiligt, z.B. das Freizeitheim Lister Turm, das
Räumlichkeiten zur Verfügung stellte, die von den Eltern um-
und ausgebaut wurden; die Jugendämter von Stadt und Land, die
berieten und den Umbau und die laufenden Kosten finanzierten; die
Kinderladeninitiative, die zu jeder Zeit mit Rat und Tat zur Seite stand
und viele andere mehr. Etwa ein Jahr
später, zum 01.08.1996, konnte der Kindergarten den Betrieb aufnehmen.
Das vorliegende
Konzept ist die Basis unserer Arbeit, aber gleichsam kein statisches
Gebilde. Wir haben es in der Vergangenheit immer wieder
überarbeitet. Ein pädagogisches Konzept bedarf einer
ständigen Auseinandersetzung. Wir werden unser Konzept auch in
Zukunft daraufhin überprüfen, ob es unseren Vorstellungen von
Erziehung und unserer pädagogischen Praxis entspricht.
Naturkindergartens Eilenriede, im Februar 2007
I. Zielsetzung
Als
Hauptmerkmal heutiger Kindheit wird häufig die Entsinnlichung der
Lebenswirklichkeit genannt. Kinder wachsen überwiegend in einer
mediatisierten und verinselten Welt auf, die von Leistungskonkurrenz
geprägt ist und die sinnlichen Erfahrungen nur wenig Raum
lässt. Gesellschaftlich-ökonomische Veränderungen haben
die Erfahrungsmöglichkeiten von Kindern stark eingeschränkt
bzw. verschoben, so dass es für sie immer schwieriger wird, sich
ihre Lebenswelt zu erschließen.
Beispiele
sind die dicht besiedelten Wohngebiete und die Verhäuslichung, die
sogenannten Erfahrungen aus zweiter Hand und ein veränderter Umgang
mit der Zeit.
Die
neuzeitlichen Veränderungen der Lebensumwelt haben die
Gelegenheiten für Primärerfahrungen der Kinder in der Natur
stark reduziert. Nur wenige Kinder haben heute noch einen unmittelbaren
Zugang zur Natur. Fernsehen, CD's, Bücher usw. vermitteln den
Kindern eine Fülle von Informationen, jedoch nicht in direkter Auseinandersetzung mit der Realität. Die
eigenen Erfahrungen und Erlebnisse bleiben auf der Strecke.
Dieser
Entwicklung kann der "Naturkindergarten Eilenriede e.V."
entgegenwirken, indem er es sich zur Aufgabe macht, zur
Rückgewinnung von Erfahrungsräumen für Kinder beizutragen.
In
Stadtteilen wie der List und der Oststadt mit hoher Bebauungsdichte,
hohem Verkehrsaufkommen und wenig Freiflächen sind die
Möglichkeiten für Kinder, in "natürlicher" Umgebung zu
spielen und einen eigenen Aktionsradius zu haben, sehr gering.
Obwohl
die Eilenriede als naher Stadtwald relativ gut zu erreichen ist,
können Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren diesen Naturraum aufgrund
der umliegenden stark befahrenen Straßen nicht allein aufsuchen
und entdecken.
Das
entdeckende Spielen in der Natur, das Erleben der Wachstumsprozesse und
der unterschiedlichen Bedingungen der Jahreszeiten sind für die
Kinder dieser Stadtteile nur eingeschränkt möglich. Auch die
Erfahrung, Freiräume zum Toben, Rennen, Klettern zu haben, und
verschiedene Sinneserfahrungen wie Beobachten, Riechen, Fühlen,
Lauschen etc. zu machen, ist für die Kinder dieser Stadtteile in
vielen Fällen nur begrenzt möglich. Dazu kommt die
Möglichkeit des Aufwachsens an relativ "frischer Luft", deren
Qualität im Wald erheblich besser ist als in den umliegenden
Wohngebieten.
Um
den Kindern diese Rechte zurückzugeben, müssen Nischen
gefunden werden, in denen - auch und gerade in der Stadt - elementare
und gemeinsame Naturerfahrung wieder möglich wird. Der Verein
"Naturkindergarten Eilenriede e.V." wurde u.a. mit dem Ziel
gegründet, Kindern diese ganzheitlichen Erfahrungen wieder zu
ermöglichen.
II. Standort und Organisation
1. Die Eilenriede
Die
Eilenriede als Stadtwald eignet sich in besonderer Weise für einen
Wald- bzw. Naturkindergarten, da sie schon aufgrund ihrer
Größe und Vielfalt zahlreiche Erlebnismöglichkeiten
für Stadtkinder bietet. Die Lebensgemeinschaft Wald mit all ihren
Tieren und Pflanzen ist an vielen Stellen noch relativ intakt und
lässt die Kinder - im Vergleich zur Wiese oder zum Park - eine
große Naturnähe erleben, die sich günstig auf die
Anbahnung einer positiven Einstellung zur Natur auswirken kann.
Der
Stadtwald Eilenriede besteht aus einem südlichem und einem
nördlichen Teil, wobei hier der nördliche Teil genutzt wird. Die nördliche Eilenriede wird durch die Wohngebiete List,
Oststadt und Kleefeld begrenzt und hat eine Fläche von 390 ha. Die
Eilenriede ist Sauerstofflieferant, Staubfilter, Lärmschutz, und
sie ist als optische Abschirmung wirksam. Flora und Fauna des Waldes
sind durch großen Artenreichtum gekennzeichnet. Neben ihrer Bedeutung als
Erholungsort erfüllt sie für Hannover also eine sehr wichtige
ökologische Funktion.
2. Der Naturkindergarten
Im
ursprünglichen Waldkindergarten kann im Sommer eine reine
Betreuungszeit von vier, im Winter von drei Stunden gewährleistet
werden. Natur- oder Waldkindergärten in anderen deutschen
Städten sind ausschließlich Halbtagseinrichtungen ohne feste
Gruppenräume. Ein ausgewähltes Waldstück ist hier
Ausgangspunkt und Zentrum des Kindergartentages. Die Gruppen
verfügen meist über eine kleine Schutzhütte, in die bei
extremer Witterung ausgewichen wird.
Der Naturkindergarten Eilenriede e.V. bietet im Gegensatz zu solchen
Waldkindergärten eine ganztägige Betreuungszeit von
8:00 bis 15:30 Uhr. Von Eltern renovierte Räume im Lister Turm
bieten den Kindern attraktive Spielmöglichkeiten. Der
Naturkindergarten Eilenriede gewährleistet eine 7 1/2-stündige
Betreuungszeit, weil der Kindergarten auch für Alleinerziehende und
berufstätige Eltern eine
Alternative sein möchte.
Die
Betreuungszeit am Vormittag findet in der Natur statt. Das Mittagessen wird im
Kindergarten eingenommen.
3. Organisation des
Kindergartens
a) Zusammensetzung der Gruppe
Der
Naturkindergarten verfügt über 17 Ganztagsplätze. Die
Gruppe besteht aus Kindern im Alter von drei bis sechs
Jahren, sie soll sich annähernd zu gleichen Teilen aus
Mädchen und Jungen zusammensetzen.
b) Tagesablauf
Ab 8:00 Uhr können die Kinder in den Kindergarten gebracht werden. Gegen 08:30 Uhr geht es auf den Waldspielplatz am Lister Turm, wo die weiteren Kinder dazukommen. Es gibt verschiedene vertraute und erprobte Plätze wie z.B. das „Rad“,
das „Hohe Gras“, oder die Wiese am "Franzosenhau“. Alle überlegen
gemeinsam, welches Ziel sie erreichen wollen.
Um 9:00 Uhr geht es los. Jedes Kind hat seinen eigenen Rucksack mit Frühstück und Ersatzkleidung dabei. Im Kindergartenbollerwagen werden Iso-Matten
, Erste-Hilfe-Ausrüstung, Getränke und Arbeitsmaterialien (z.B.
Bestimmungsbücher, Gitarre, Spielzeug und Werkzeug)
transportiert. Die Kinder sind dem Wetter
entsprechend gekleidet (festes Schuhwerk, Regenhose und Gummistiefel bei
Regenwetter, der bewährte "Zwiebel-Look" bei kaltem Wetter). Am
Ziel angelangt, beginnt der Tag mit einer gemeinsamen Morgenrunde. In dieser können die Kinder von Wochenenderlebnissen erzählen, es wird gesungen, vorgelesen u.a..
Danach wird gefrühstückt.
Am
Vormittag ist Zeit für gemeinsame Aktivitäten:
Bewegungsspiele, auf Bäume klettern, gemeinsam ein Buch anschauen, Lieder singen, Basteln
mit Naturmaterialien, Toben, Entdecken, Werken etc. Kinder
benötigen Kontakt zu anderen Kindern, um gemeinsame Erfahrungen
machen und so Beziehungen und Freundschaften untereinander entwickeln zu
können. Dieses ermöglicht ihnen eine Freispielphase.
Gegen Mittag wird alles wieder eingepackt und der
Rückweg zum Lister Turm angetreten, wo das Mittagessen eingenommen wird. Der Zeitpunkt der Rückkehr wird je nach Wetter und Spielsituation der Kinder flexibel gehandhabt.
Nach dem Mittagessen werden die Zähne geputzt, danach können die Kinder frei spielen,
basteln, malen oder bei schönem Wetter auf dem
Außengelände des Lister Turms spielen. Außerdem gibt es wochentagsabhängig verschiedene Angebote, z.B. Basteln und Rhythmik. An einem Nachmittag in
der Woche werden die älteren Kinder mit einem
Vorschulprogramm gefördert.
Bei
zusätzlichen Aktivitäten verändert sich der Tagesablauf.
Möglich sind zum Beispiel Besuche von Kindertheaterstücken,
der Stadtteilbücherei und Ausflüge ins Schwimmbad, zum Zoo,
zum Schulbiologiezentrum, zu einem Bauernhof. Bei den letztgenannten
Angeboten kann auf die reichhaltigen Erfahrungen in der Projektarbeit
des Lister Turms zurückgegriffen werden.
Von 15:00 bis 15:15 Uhr gibt es eine gemeinsame Abschlußrunde. 15:15 Uhr werden die Kinder abgeholt,
damit noch genügend Zeit zum Anziehen bleibt.
c) Zusammenarbeit mit
anderen Einrichtungen
Lister Turm
Die
besonderen Chancen und Möglichkeiten der Anbindung eines
Kindergartens an das Freizeitheim Lister Turm stellen sich wie folgt dar:
Der
Lister Turm verfügt über jahrelange Projekterfahrung mit
Kindern und Jugendlichen im Stadtteil. Insbesondere betrifft dies den
Schwerpunkt Naturerleben/Naturerfahrung in Verbindung mit
ästhetischer Bildung. Vor diesem Hintergrund gibt es
Unterstützung bei konzeptioneller Arbeit und Vermittlung konkreter
Erfahrungen (Weiterbildungsangebote für die ErzieherInnen, einen
Literaturfundus), sowie für die tägliche Arbeit wichtige
Kontakte (z.B. Förster und Imker).
Die
Möglichkeiten der Kooperation der Elterninitiative und der
Kultureinrichtung bestehen insbesondere auch im Bereich der
ästhetischen Bildung, der Kulturarbeit mit Kindern, z.B.
Theatervorstellungen im Haus.
Kinderladeninitiative
Der
Naturkindergarten Eilenriede e.V. ist Mitglied im stadtweiten
Zusammenschluss der Kinderläden, der "Kinderladeninitiative e.V.".
Die regelmäßig stattfindenden Treffen aller VertreterInnen
der Kinderläden Hannovers werden von den Eltern (einem Vertreter)
besucht. Die ErzieherInnen und Eltern des Naturkindergartens können
an den Fortbildungen und Informationsveranstaltungen der KiLa-Ini
teilnehmen und von deren MitarbeiterInnen Informationen, z.B. über
arbeitsrechtliche Grundlagen erhalten.
4. Elternmitarbeit und
-mitbestimmung
Bei
dieser Einrichtung handelt es sich um eine Elterninitiative, deshalb
kommt der Elternmitarbeit eine besondere Bedeutung zu. Diese liegt zum
einen im inhaltlich/konzeptionellen, zum anderen im organisatorischen
Bereich. Ziel dabei ist, dass die Eltern sich an der Weiterentwicklung
inhaltlicher Ziele und konzeptioneller Überlegungen gemeinsam mit
den ErzieherInnen beteiligen.
Die
allgemeine Organisation des Kinderladens ist die Aufgabe der Eltern. Sie
sind zuständig für die Verwaltung (Personal, Finanzen etc.).
Organisatorisch müssen sie einen Teil der Verantwortung und auch
der anfallenden Arbeiten wie z.B. Renovierungen, Einkäufe,
Zusammenarbeit mit der Kinderladeninitiative etc. übernehmen. Die
Mitarbeit bei der Planung und Durchführung von Ausflügen,
Fahrten und Festen gehört ebenfalls zur Aufgabe der Eltern. Wenn
die ErzieherInnen krank sind, müssen Eltern bei der Betreuung der
Kinder helfen.
Elternabende finden regelmäßig statt. Auf den Elternabenden
werden sowohl inhaltlich-pädagogische sowie auch organisatorische
Themen und Aufgaben diskutiert. Abwechselnd finden
pädagogische (z.B. zu Themen wie Umsetzung des Konzeptes,
Gruppensituation, Arbeitsschwerpunkte, Koedukation, Umgang mit
Aggressionen) und organisatorische Elternabende (z.B. zu Themen wie
Verteilung der notwendigen Verwaltungsarbeiten, Renovierung der
Räume, Öffentlichkeitsarbeit, Organisation von Festen) statt.
Die
pädagogischen Elternabende werden vom ErzieherInnen vorbereitet; die zu
behandelnden Themen werden von beiden Seiten eingebracht. Die organisatorischen Elternabende werden von den Eltern vorbereitet. Die
regelmäßige Teilnahme an den Elternabenden ist verpflichtend.
Elterngespräche mit den pädagogischen Fachkräften werden mindestens einmal jährlich geführt, sind aber bei Bedarf jederzeit auch zwischendurch möglich.
III. Pädagogisches Konzept
1. Einleitendes
Ein
wichtiges Ziel ist die ganzheitliche Förderung der Kinder im
emotionalen, motorischen, sozialen, sprachlichen und kognitiven Bereich.
Gelingen kann das nur in einer Atmosphäre, in der sich Kinder ernst
genommen, anerkannt und geborgen fühlen.
2. Persönlichkeitsentwicklung
Im
Zusammenleben anderen Kindern und Erwachsenen erfährt das Kind seine
Stärken und Schwächen, und es findet seinen Platz in der
Gruppe. Die Kinder sollen lernen, selbständig zu werden, d.h.
zunehmend Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für ihr
Handeln zu übernehmen.
3. Sozialverhalten
Soziales
Verhalten muss gelernt werden. Kinder sollen lernen, sich in die
Gruppengemeinschaft einzufügen und Freundschaften zu entwickeln.
Eigene Bedürfnisse müssen dabei im Interesse anderer Kinder
oder der Gruppe auch einmal zurückgestellt werden. Den Kindern wird
der Freiraum gegeben, selbständig Erfahrungen zu sammeln und so
Freundschaften aufzubauen, die auch außerhalb der Betreuungszeit
weiterentwickelt werden. Die Kinder sollen im Naturkindergarten lernen,
sich gegenseitig zu helfen, mit Aggressionen
umgehen zu können, sich gegenseitig im gemeinsamen Spiel zu motivieren und so
letztendlich ein Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gruppe zu
entwickeln. Im Kindergarten treffen Kinder aus unterschiedlichen
familiären, sozialen und kulturellen Strukturen aufeinander,
ErzieherInnen und Eltern arbeiten daran, Toleranz gegenüber Anderen
einzuüben. 4. Regeln und Grenzen
Kinder
brauchen Regeln und Grenzen, an denen sie sich orientieren können.
Grenzen haben auch eine schützende Funktion, Regeln vermitteln
Sicherheit. Um Kindern Orientierung zu bieten und Werte zu vermitteln,
ist die Vorbildfunktion der ErzieherInnen und ihr konsequentes Verhalten
wichtig. Die ErzieherInnen vereinbaren mit den Kindern
situationsangepasste Regeln und achten auf deren Einhaltung. Dazu
gehören Regeln, die für den Kindergartenalltag gelten und
Regeln, die die Beziehungen der Kinder untereinander betreffen.
5. Der
Schwerpunkt Naturpädagogik und seine Chancen
Der
inhaltliche Schwerpunkt in der thematischen Arbeit liegt darin, über die sinnliche und
kognitive Erfahrung eine Beziehung zur Natur aufzubauen und Wissen
über sie an die Kinder weiterzugeben.
Kinder
schätzen an der Eilenriede vor allem die Abwechslung, die
Möglichkeiten zu vielfältigen Aktivitäten und die
Erfahrungsspielräume, die sie bietet. „Reine Naturerfahrung" reicht
allerdings nicht immer aus, Kinder müssen auch angeleitet werden.
Die ErzieherInnen haben die Aufgabe, eine Balance zwischen spontanen
Naturerfahrungen einerseits und sinnvoller Naturpädagogik
andererseits zu gestalten.
Die Kinder bekommen im Naturkindergarten kein romantisches
Naturverständnis vermittelt. Sie lernen im Wald sehr schnell, dass
dort nicht nur Blumen blühen und Vögel zwitschern, sondern
auch gestochen und gestorben wird. Kinder entwickeln allerdings
auch einen Sinn für die Schönheit der Natur. Wer als Kind die
Natur schätzen lernt, wird sich vielleicht als
Erwachsener für ihren Schutz einsetzen.
a) Naturerleben
Erfahrungen
zeigen, dass die eigene Motivation bei Kindern steigt, wenn sie
vermehrt zu selbständigen Aktivitäten angeregt werden. Erst
die reale Begegnung mit der Natur wird die Kinder dazu anregen, sich mit
ihr spielerisch auseinander zu setzen. Durch die alltägliche
"Wald-Erfahrung" können die Kinder den Wald ganzheitlich, mit Kopf,
Herz und Hand und so mit allen Sinnen erfahren. Sie gewinnen einen
realen Einblick in die Lebensweise und die Bedürfnisse von Pflanzen
und Tieren. Es wird ein intensives Naturerleben ermöglicht, das
sich positiv auf verschiedene Ebenen der kindlichen Entwicklung
(emotional, kognitiv und sozial) auswirkt und als Ergebnis ein besseres
Umweltbewusstsein und eine damit verbundene Handlungsbereitschaft der
Kinder zur Folge haben kann.
b) Umweltpädagogik
Die
heutige Umweltproblematik bringt es mit sich, dass der
Umweltpädagogik immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.
Obwohl sich immer mehr Menschen für den Erhalt der Natur einsetzen,
sind es noch zu wenige, die sich für die Natur interessieren, die
mitdenken und -handeln. Gerade hier kann der Naturkindergarten ansetzen
und durch eine zielgerichtete Umwelterziehung ein positives und
verantwortungsvolles Umweltbewusstsein bei den Kindern aufbauen und sie
so zu einem umweltbewussten Verhalten erziehen, das über die
Kindergartenzeit hinaus erhalten bleibt.
Wir gehen in Anlehnung daran davon aus, dass das Kind sich mit allen seinen
Sinnen die Umwelt aneignet, die Welt für sich persönlich ‘neu
erschafft’. Der Einsatz aller Sinne, wie Sehen, Hören, Tasten,
Riechen und Schmecken verstärkt das Erleben, Erforschen, Lernen
und Verstehen. Für das Kind ist das Wahrnehmen ein
„In-Beziehung-setzen“ zwischen Gegenstand und persönlicher
Erfahrung.
Daher
muss Umweltpädagogik vor allem die Entwicklung der Sinne und die
Schulung der Wahrnehmung zum Gegenstand haben. Dies kann u.a. erreicht
werden durch:
- die
Förderung der Sensibilisierung und des Verständnisses für
die natürliche Umwelt
- das
Wecken und Weiterentwickeln einer schützenden Haltung
gegenüber Pflanzen und Tieren
- das
Ermöglichen der Hege und Pflege von Tieren und Pflanzen und das
Kennenlernen ihrer natürlichen Umwelt
- das
Nahebringen grundlegender Fragen zum Naturschutz anhand konkreter
Beispiele
c) Sinnliche Wahrnehmung
Ein
Merkmal heutiger Kindheit bzw. unserer Gesellschaft ist die
veränderte Beanspruchung unserer Sinne. Zum einen werden im Alltag
hauptsächlich die Fernsinne (Auge und Ohr) gefördert mit der
Folge der Überreizung, die dazu führt, dass kaum noch Reize
differenziert wahrgenommen werden. Zum anderen sind die anderen Sinne
damit unterfordert. Vor allem durch die mediale Entwicklung scheinen
diese übrigen Sinne in Vergessenheit zu geraten. Des weiteren
werden Sinnlichkeit und Affektivität in unserer Gesellschaft
häufig als störend empfunden. Möglichst früh muss
das Kind sich "zivilisieren", rationalisieren. Dabei sind Sinnlichkeit
und Wahrnehmung wesentliche Bestandteile des Menschen und sie
müssen Beachtung finden, damit sich Selbstgefühl, Naturerleben
und Lebensfreude entfalten können.
Der Naturkindergarten ermöglicht, dass der wichtige Bereich der
sinnlichen Wahrnehmung spielerisch in vollen Zügen
ausgeschöpft werden kann. An dieser Stelle einige Beispiele:
- Tastsinn:
Oberflächenbeschaffung der Naturgegenstände "begreifen" und
wiedererkennen, Wahrnehmung von Temperaturunterschieden
- Sehsinn:
Betrachten und Beobachten von Waldbestandteilen,
Lichteinströmungen, Farben und Formen
- Geruchssinn:
verschiedene Gerüche im Wald wahrnehmen, z.B. frischen Humus,
stinkenden Storchschnabel, Bärlauch
- Hörsinn:
Wald dämpft Zivilisationsslärm, Fallen der Blätter,
Vogelstimmen und das Rauschen des Waldes wahrnehmen
- Geschmackssinn:
aus Kräutern, Blättern und Beeren kann Tee hergestellt werden
- Gleichgewichtssinn:
auf gefällten Baumstämmen balancieren
d) Ästhetik
Durch
das genaue Betrachten z.B. der Farben und Formen von Blüten und
Baumrinden, das Wahrnehmen der jahreszeitlichen Aspekte des Waldes wird
das ästhetische Empfinden der Kinder angesprochen. Es ist dabei
wichtig, die Kinder auf diese Phänomene aufmerksam zu machen, denn
häufig sehen Kinder dieser Altersgruppe über solche
Erscheinungen hinweg. Es gilt, den Kindern das Bewusstsein zu
vermitteln, dass die Natur über eine reiche Farb- und
Formenvielfalt verfügt, auch wenn man auf den ersten Blick
vielleicht gar nichts besonderes entdecken kann. Kinder sollen lernen,
die natürliche Schönheit zu respektieren.
e) Spielen
Im
Wald erfinden die Kinder mit ihrer Phantasie und Kreativität viele
Möglichkeiten zum Spielen und Toben (so kann ein Stock als Telefon,
als Flöte oder Klangerzeuger benutzt werden), alleine und
miteinander. Kinder sind und wollen erfinderisch sein. Das Spiel mit
Naturmaterialien in nicht gestalteter Umgebung fördert die
kindliche Fähigkeit, eigene Spielideen kreativ in die Tat
umzusetzen.
f) Stille
Kinder
können in einer nicht reizüberfluteten Umgebung sich selbst
und die anderen intensiver wahrnehmen und durch die äußere
Stille auch eine innere Ruhe und Konzentrationsfähigkeit entwickeln.
g) Gesundheitliche Aspekte
Die
Bewegung in der Natur und in frischer Luft fördert die Ausbildung
der Grob- und Feinmotorik. Das Körpergefühl der Kinder steigt.
Der Aufenthalt im Wald fördert die Immunisierung der Kinder und
kann helfen, Allergien vorzubeugen. Zusätzlich fördert die
Bewegung in der Natur und die Beschäftigung mit ihr das seelische
Wohlbefinden der Kinder.
h) Motorische Entwicklung
Der
Wald macht den Kindern ein abwechslungsreiches Bewegungsangebot und
bietet Freiräume für vielfältige Bewegungs- und
Spielmöglichkeiten. Dadurch werden das Selbstvertrauen, die
Phantasie und die Neugier der Kinder gefördert. Kinder, die toben,
klettern, balancieren und Stille erleben dürfen, bilden die
Wahrnehmungsfähigkeit differenziert aus und unterstützen durch
diese Aktivitäten ihr kognitives Lernvermögen. |